Pressemitteilungen

Archipel Invest

27/06/2013

PRESSEINFORMATION

ARCHIPEL INVEST
(26. – 29. September 2013; Sommer 2014)

Das Kollektiv KUNSTrePUBLIK denkt Stadtentwicklung radikal neu. Abseits von ökonomischen und wirtschaftlichen Vorgaben werden im Kreis Recklinghausen und den angrenzenden Städten utopische Möglichkeiten der Nutzung öffentlichen Raumes erprobt. Zu diesem Zweck definieren KUNSTrePUBLIK klar begrenzte Sondernutzungszonen im Stadtgebiet – die Inseln des Archipel Invest –, die jeweils nur einem hochspezialisierten, experimentellen Ziel unterworfen werden. So entwirft Nadin Reschke mit den Frauen des Internationalen Bildungs‐ und Kulturvereins in Castrop‐Rauxel Kleidung, die individuelle Migrationsgeschichten erzählt. Das Nähatelier in einem Ladenlokal fungiert dabei als Treffpunkt und Geschäft zugleich. Gernot Wielander und Carla Åhlander erforschen die Psyche der Stadt anhand von gesammelten Tagebüchern. Das Kollektiv red park will die Stadt soapifizieren. Passanten steuern Versatzstücke zu einer Daily Soap bei, die in einem TV‐Studio realisiert wird. Aber auch die Stadt selbst wird durch Elemente wie Beleuchtung oder Musik zu einer Soap. Und das niederländische Kollektiv REFUNC spürt in leerstehenden Gebäuden der Geschichte durch Eingriffe in das zurückgelassene Material nach.
Das Archipel Invest startet 2013 mit vier Kernclustern, die durch weitere im Verlauf des Projekts entstehende Forschungsprojekte ergänzt werden:

1. identifizieren: 'MYVEST'

Nadin Reschke: Vest

Juli bis September 2013 in Castrop Rauxel

In Zusammenarbeit mit Frauen des Internationalen Bildungs‐ und Kulturvereins für Frauen (IBKF) in Castrop‐Rauxel entwirft und näht Nadin Reschke (*1975, Bernburg an der Saale) individualisierte Kleidungsstücke, die ein Stück Migrationsgeschichte der jeweiligen Person erzählen. Die Grundidee dabei ist, ein eigenes Label zu gründen, das im Projektverlauf aus einer Reihe von ca. 20 bis 30 Unikaten besteht und langfristig weiter wachsen kann. Im Vordergrund stehen dabei die Zuwanderungsgeschichten der Vereinsfrauen, deren Familien aus Russland, Kasachstan, Polen, Marokko und der Türkei nach Deutschland kamen. Die Kleidungs‐Portraits werden in einem Ladengeschäft gezeigt, das auch als Nähatelier und Versammlungsort dient und für Besucher und Passanten während des Arbeitens geöffnet ist. Die Modelle werden abschließend in einem Katalog präsentiert, der die Optik üblicher Modekataloge aufgreift. Das Label soll die vielschichtigen lokalen Identitäten repräsentieren, ein neues kollektives Selbstbewusstsein schaffen, sowie den Vestischen Kreis mit diesem zur Weiterentwicklung angelegten „Investment“ einkleiden.

Gernot Wieland + Carla Åhlander: Psyche einer Stadt (AT)
Juli bis September 2013 an verschiedenen Orten im Kreis Vest, Zustandsbericht und Lecture‐
Performance im September 2013

Das Projekt Psyche einer Stadt (Arbeitstitel) von Carla Åhlander (*1966, Lund/Schweden) und Gernot Wieland (*1968, Horn/Österreich) erweitert das Archipel Invest um eine „psychische BeSonderzone“. Ausgangspunkt des Projekts sind Tagebücher, die im Kreis Vest in Zusammenarbeit mit Bibliotheken, Schulen, lokalen Radios oder dem Fernsehen gesammelt werden. Die verschiedenen Tagebuch‐Einträge schaffen durch die „psychische BeSonderzone“ einen differenzierten Ort, in dem das, was verborgen, privat, geträumt, gehofft und anschließend niedergeschrieben wurde, über Plakatwände und eine Zeitung sichtbar und im Radio durch Lesebeiträge hörbar gemacht wird. In der Narration vermischen sich Wahrheit und Fiktion und es bleibt dem Publikum überlassen, die entstandene Freud‘sche Wunderkammer zu durchstöbern und den Probanden, „das Vest“ auf einer Couch am Ende des Raums zu finden. Die neue und sehr eigene Perspektive dieser Zone erlaubt einen neuen Blick auch auf den eigenen urbanen Kosmos und versucht neue Parameter in der Topographie unserer Städte zu setzen.

2. investieren: 'INVEST'
Random People (Daniel Ladnar, Esther Pilkington) & red park (Lars Schmid, Jörg Thums):
IRREALITY TV ZONE: BÜRO FÜR SOAPIFIZIERUNG

September 2013

Das Künstlerduo red park investiert in eine Plotfabrik. In diesem „Büro für Soapifizierung“ werden gemeinsam mit Passanten Versatzstücke einer „Daily Soap“ oder anderer RealityTV‐Formate generiert. Die Fiktionsfragmente werden in einem realen TV‐Set an einem konkreten Ort zu einer gemeinsamen Soap zusammengesponnen. Neben der Einrichtung des Büros für Soapifizierung, in dem die Vorgänge in der Zone gebündelt und orchestriert werden, wird über das Format der Soap ein Repertoire an interventionistischen Strategien abgeleitet, so dass nicht nur die Besucher des Büros an der Soapifizierung des Viertels teilhaben können, sondern auch spontane Momente der Beteiligung entstehen. Dazu könnte gehören, dass der Alltag im Stadtraum durch Musikuntermalung, besondere Beleuchtung oder die Anwesenheit von Kameras auf eine Weise inszeniert wird, die bestimmte Levels des Mitmachens zulassen. Der Filmdreh findet innerhalb einer Woche statt, eine zweite Staffel soll 2014 folgen.

3. implementieren: 'HARVEST'

KUNSTrePUBLIK (Matthias Einhoff, Philip Horst, Markus Lohmann, Harry Sachs)
s. bewerben und clustern


4. (re)produzieren: 'RESTVEST'

REFUNC (Jan Körbes, Denis Oudendijk)
September 2013


Das niederländische Künstlerkollektiv REFUNC widmet sich der Verlängerung der Verwertungs‐Lebenszeit von Material. Ausgehend von Abfallstoffen und Restprodukten schafft REFUNC Mikro‐Architekturen und experimentelle Objekte. Im Kreis Recklinghausen arbeiten REFUNC mit verlassenen, leerstehenden oder kurz vor dem Abriss stehenden Gebäuden und spüren der Geschichte der Objekte durch Eingriffe im Material und sozialen Umfeld nach.

Kulturmassnahmen (Boris Jöns, Sebastian Orlac und Thorsten Schwarz): Restaurant
Kulturmassnahmen widmet sich in einem Hybrid aus Labor und Restaurant der Erforschung der Ressource „Gespräch“ sowie Strategien der Verstofflichung, Formulierung und Weitergabe von Gesprächsinhalten in Form von „Gesprächsresten“. An sechs Abenden im Laufe von zwei Wochen eröffnen Kulturmassnahmen zu diesem Zweck in einem Gebäuderest (Leerstand) ein Restaurant. Das Prinzip: Jeweils fünf Gäste bringen Lebensmittelreste mit, aus denen eine Mahlzeit bereitet wird. Während des Essens werden in einem von Kulturmassnahmen moderierten Tischgespräch die Gesprächsreste des jeweils vorangegangenen Abends thematisiert und je nach Belieben verlängert, aufgekocht oder reduziert. Eine Dokumentation des Projektes wird in Form eines performativen Vortrages einem größeren Publikum gezeigt.

KUNSTrePUBLIK (Matthias Einhoff, Philip Horst, Markus Lohmann, Harry Sachs):
bewerben und clustern


Der durch Zonen und Forschungscluster entstehende Bedarf an Arbeitskräften, Teilnehmern und Versuchspersonen wird durch KUNSTrePUBLIK in einer Anwerbekampagne kommuniziert. Neben traditionellen Werbeformen, wie Printmedien und Website werden bisher ungenutzte Kommunikationsressourcen wie Büdchentalk (die Ruhrvariante des Smalltalk) und Fußballchöre in die Strategie mit eingebunden. Über ergänzende Projekte und Versuche erweitert, komplettiert und verbindet KUNSTrePUBLIK die verschiedenen Cluster. Angedacht sind u.a. analog zum „CentrO“ in Oberhausen ein „Corso“ im Vest, als mobile Car Boot Mall mit automobilem Warentransport und lokalen DIY‐Produkten, subsistenzielle Landwirtschaft durch Fisch‐ und Pilzzucht in leerstehenden Gebäuden und Bädern, Guerilla‐
Gentrifizierung und Turbo‐Spekulation von unten, u.v.m.

Vom 26. Bis 29. September werden die BeSonderzonen des Archipel Invest ihren Forschungsstand an verschiedenen Orten im Vest präsentieren.
Als „Quelle“ des Archipels – und damit als Ausgangspunkt für die verschiedenen Erkundungstouren ins Vest – dient eine große leerstehende ehemalige Quelle‐Filiale direkt am Hauptbahnhof Gelsenkirchen.